#METOO #MITOO #METWO

Im Januar 2016 habe ich folgenden Bericht in Form eines öffentlichen Posts auf meinem Facebook Profil veröffentlich und dazu den Screenshot oben (allerdings waren die Gesichter der Männer auf dem Bild damals noch nicht mit Kartoffeln in Penis-Form zensiert worden). Meine Lebensrealität ist intersektional und so überrascht es nicht, dass ich diesen Bericht eigentlich mit allen Hashtags markieren könnte, die damals wie heute auf diese Dinge aufmerksam machen:

#MeToo
Erfahrungen von sexualisierter Gewalt

#MiToo 
Erfahrungen von sexualisierter Gewalt, Rassismuserfahrungen und Geschlechterdiskriminierung gegen Migrantinnen* und geflüchteten Frauen*

#MeTwo
Erfahrungen von Alltagsrassismus in Deutschland

Ausschlaggebend dafür, dass ich diesen Bericht geschrieben und in voller Länge veröffentlicht habe, war das Titelbild des Magazins FOCUS: Mit Blick auf die Ereignisse der Silvesternacht in Köln wurde hier bewusst eine Bildsprache verwendet, die rassistische Stereotypen und Mythen über unzivilisierte, dreckige nicht-weiße Männer und die Schändung der reinen, blonden, weißen, deutschen Frauen wiederbelebte.

08.01.2016 FOCUS-Titel: Die Nacht der Schande

Disclaimer: Ich habe faktisch keine Migrationsgeschichte, d.h. weder ich noch meine Eltern sind nach Deutschland immigriert. Mein Vater hat einen US amerikanischen Pass. Er war für begrenzte Zeit als Soldat in Deutschland stationiert und lebt wieder in den USA. Meine Mutter hat einen deutschen Pass. Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, genau wie ich.

Ich wurde von weißen deutschen Männern, die mich belästigten als „Migrantin“ gelesen, weil ich nicht weiß bin – weil in Deutschland Deutsch-sein mit Weißsein gleichgesetzt wird und ich deswegen in den Augen der Mehrheitsgesellschaft nicht als „deutsche Frau“ gesehen werde.

Was die Reaktionen auf meinen Post angeht, so überrascht es nicht, dass wir die gleichen abgestumpften Argumente in allen drei Diskursen finden.

Egal ob #MeToo #MiToo oder #MeTwo – die Abwehrmechanismen sind doch immer die Selben: Sobald eine Person, der Gewalt angetan wurde öffentlich – und vor allem von einem Standpunkt der Selbstermächtigung aus – darüber spricht, regnet es weitere Angriffe von denen, die sich in ihrer Machtposition bedroht fühlen.

Ich bin „Opfer“ von Gewalt geworden, aber das ist nicht das erste Mal und es wird auch nicht das letzte Mal sein. Ich werde verletzt, wieder und wieder. Ich überlebe jedes Mal. Ich bin nicht hilflos, nicht passiv und ich habe keine Angst mehr vor dem was ich schon unzählige Male überlebt, analysiert und verstanden habe. Ich bin mächtiger als du. Du hast das Privileg nie erleben zu müssen was ich erlebe. Aber ich bin an Erfahrung überlegen.  Dein Weltbild gerät ins wanken, nicht wahr? Und so bleibt dir nichts anderes übrig als das soeben gehörte oder gelesene als nicht real, nicht existent, erstunken und erlogen zu verleugnen.

Überlebende werden zu Täter*innen gemacht. Wir kennen das schon. Wir wissen, dass das Darübersprechen viel öfter negative Konsequenzen für uns hat als für die Täter*innen. Ein Mechanismus, der in diesem System läuft wie geschmiert, sorgt dafür, dass Personen, denen Gewalt angetan wurde Schweigen, um nicht das Risiko eingehen zu müssen, sich diesem Druck zusätzlich auszusetzen.

“When we speak we are afraid our words will not be heard or welcomed. But when we are silent, we are still afraid. So it is better to speak.” – Audre Lorde

“If you are silent about your pain, they’ll kill you and say you enjoyed it.” ― Zora Neale Hurston

10.01.16

Vielleicht mag sich der/die ein oder andere an diesen Post erinnern. Aus aktuellem Anlass möchte ich noch einmal die Situation schildern, in der die beiden Fotos entstanden sind und aus welchem Grund:

Ich bin in einer Dienstagnacht mit der letzen U-Bahn nach Hause gefahren, vom Kotti mit der U1 zum Gleisdreieck und dann in die U2 umgestiegen. In der U2 war ich für mehrere Stationen hintereinander allein im Wagon. Ich saß ganz hinten in einem der 3er Sitze. Wie bei der U1 sitzt man sich gegenüber.

Irgendwann steigt eine junge Frau ein. Sie ist schätzungsweise jünger als ich, physisch kleiner, rundlich, hat lange dunkle Haare und trägt einen langen schwarzen Rock und silbernen Schuhen im Retrolook. Sie setzt sich auf einen Platz in der Mitte des Wagons, auf der gegenüberliegenden Seite und wir zwei fahren so alleine durch die Nacht.

Anfangs habe ich sie gar nicht angesehen, aber das änderte sich ein paar Stationen später, als die beiden Männer einstiegen, die ihr auf dem Bild sehen könnt.

Ich habe Musik gehört und vor mich hingeträumt, aber ich konnte sie aus dem Augenwinkel sehen, vor allem die Frau und den einen der beiden Männer, der sich neben sie gesetzt hatte. An ihrer Körpersprache war offensichtlich wahrnehmbar, dass sie sich unwohl fühlte. Während er ihr breitbeinig zugewandt war und laut zu ihr sprach, so dass ich es trotz Musik hören konnte, wendete sie sich ab, starrte auf den Boden. Sie konnte nicht weiter weg von ihm sitzen als in dieser Ecke neben der Tür, ohne dass sie hätte aufstehen müssen und sie hätte sich nicht kleiner machen können, nicht noch weniger Raum einnehmen als sie es in diesem Moment tat, während der Kerl immer weiter auf sie zu rückte bis er irgendwann direkt neben ihr saß. Er beugte sich nach vorn in ihr Sichtfeld, lachend suchte er abwechselnd mit ihr und seinem Komplizen Augenkontakt, um sich von ihm in seinem Handeln bestätigen zu lassen. Der Andere lachte und kommentierte unbeschwert wie es seiner Rolle in diesem Moment entsprach.

Ich nehme also meine Kopfhörer raus und höre nun deutlich wie sich beide Männer lauthals über die Frau unterhalten, als hörte sie sie gar nicht. Als sei sie ein Gegenstand, den sie zufällig hier gefunden hatten. Ein Gegenstand, den sie ungeniert betrachten, benennen und bewerten konnten. Sie kommentieren ihre Schuhe, ihre Haare, die Form ihres Körpers, die Art wie sich sich bewegt und das alles in einer Lautstärke als wollten sie sie auf einem Markt an den Meistbietenden versteigern.

Ich stehe also auf, gehe langsam, mit einer BBHMM—Attitüde auf sie zu („Who y’all think y’all frontin‘ on?“) und setze mich der Frau direkt gegenüber.

Interlude A:

1. Meine erste Intention war zunächst IHR zu demonstrieren, dass SIE hier nicht alleine ist und zweitens Verwirrung bei denen zu Stiften, die sich ihrer Machtposition und Kontrolle über die Situation bis zu diesem Zeitpunkt noch sehr sicher waren.

2. Ich hatte im Gegensatz zu dieser Frau die Macht zu handeln, weil ich von einer Position außerhalb des Geschehens kam und die Wahl hatte einzuschreiten oder nicht. Also als aktives Subjekt von einem Standpunkt aus, der es mir erlaubt hat eine klare Entscheidung zu treffen – Anders als die Frau, die passiv dagesessen hatte bevor sich die beiden Männer zu ihr setzen und sie zum Objekt ihres Handelns gemacht hatten. In dieser Situation war sie der Dominanz der Männer von vornherein unterworfen und gezwungen auf sie zu reagieren. Auch wenn ihre Reaktion bedeutete eben nichts zu tun, weder verbal noch physisch, wurde sie weiterhin von den Männer taxiert und saß fest.

3. Als ich aufstand und mich zu ihr setzte, hatte sich die Machtkonstellation plötzlich verschoben. Die Männer waren plötzlich die, die die auf mich reagieren mussten und die Frau, aus dem Fokus gerückt, war plötzlich in der Position reagieren zu können.

Was geschieht also?

In dem Moment in dem ich mich ihr gegenübersetze steht sie auf und setzt sich auf den Platz von dem ich gerade komme. Ohne ein Wort zu sagen ohne mich anzusehen, tauscht sie mit mir den Platz.

Die Männer sind perplex. Der Eine rückt zurück in die Ecke, seinem Freund gegenüber. Er sitzt nun auf dem am weitesten entfernten Platz von mir. Er konnten nicht weiter weg von mir sitzen als in diesen Ecke neben der Tür, ohne dass er hätten aufstehen müssen.

Der Andere hat seine Beine auf die Sitze gelegt, er sieht seinen Kollegen an und runzelt die Stirn. Ich sehe sein Gesicht in der Scheibe. Die Frau steigt an der nächsten Station aus, dann sagt der Eine „Was war denn das?“ und der Andere lacht nervös „Keine Ahnung:“

Für ein paar Minuten ist es still, die Bahn fährt weiter, ich bin jetzt stolz auf mich und chille auf meinem Platz. Dann fängt der Eine – nennen wir ihn Opfer 1 – wieder an zu labern.

Er macht sich wieder breiter. Wahrscheinlich fühlt es sich für ihn nicht richtig an, wenn er jetzt die Fresse hält und sich nicht mehr aufspielt. Also fragt er seinen Kollegen, was sie heute noch so machen wollen? Ob sie vielleicht noch in den Puff gehen wollen oder ob sie lieber „Irgendeine“ auf der Straße klarmachen sollen? Als sei das eine ernst gemeinte Frage und nicht nur eine weiter Provokation, die selbstverständlich mir gewidmet ist.

Der Andere – Opfer 2 – braucht etwas länger und antwortet weniger überheblich, dass es ja schon spät sei ….und der Puff außerdem Geld kostet. Stichwort für Opfer 1 seinen Alternativvorschlag zu konkretisieren:

Oper 1 fängt also sein altes Spielchen wieder an. Er spricht über mich, meinen Arsch und meine Brüste, fragt Opfer 2 ob er mich denn mal gern anfassen würde, meine Beine, meine Nippel…. Allerdings spricht er diesmal nicht so laut, sondern wird im Gegenteil immer leiser, während ich meine Jacke aufmache und mich aufrecht hinsetze. Er sieht mich an.

Bis jetzt habe ich ihn nicht angesehen, aber ich habe soeben beschlossen das zu ändern. Ja ich habe sogar beschlossen, dass ihn am besten auch alle meine Freunde ansehen sollen. Alle sollten sehen was für Opfer diese beiden sind. Alle sollen sie ungeniert betrachten, benennen und mit dem Finger drauf zeigen und bewerten. Seht euch diese Opfer an! Was für schwache, peinliche Gestalten. Also zücke ich mein Handy und mache kurz hintereinander zwei Fotos.

Interlude B:

1. Als Frau in einem U-Bahn Wagon mit zwei offenbar alkoholisierten Männern eingesperrt zu sein, von denen zumindest einer ihr auch noch physisch überlegen ist, ist eine riskante Situation. In dieser Situation ein Bild von den Männern zu machen, kann eine aggressive Reaktion verursachen und im schlimmsten Fall dazu führen, dass die Männer auf mich losgehen. Dessen bin ich mir bewusst.

2. Ich höre auf meine Intuition und mein Bauchgefühl. In Gefahrensituationen ist es diese Gefühl, das mich überleben lässt. Hat bisher immer funktionier und funktioniert genau aus diesem Grund. Ich brauche also nur den Bruchteil einer Sekunde, um mir sicher zu sein, dass diese Opfer auf jeden Fall lauchige Lauch-Kartoffel-Sellerie-Lauchs sind und keine Täter, die mir gefährlich werden können. Außerdem bin ich so auf 180, dass ich ihnen nur zu gerne meine Fingernägel in die Augäpfel bohren möchte, wenn sie mir einen Grund dafür geben. (Shoutout an New York Nails im Rathauscenter Pankow!)

3. Sie mögen denken, dass ich hier mit ihnen eingesperrt bin. Aber sie vergessen dabei, dass sie hier auch mit mir eingesperrt sind.

Folglich haben sich nicht nur die Machtpositionen verschoben, sondern mit ihnen auch die Perspektiven. Ich bin das Subjekt, die Männer die Objekte. Ich fotografiere sie. Ich mache mir eine Bild von ihnen. Ich bin aktiv, sie passiv. Ich sehe sie, sie werden gesehen.

Opfer 1: Was war das jetzt?

Shaheen: Man muss ja immer auf Nummer sicher gehen oder? Würdest du nicht?

Opfer 1: Was?

Shaheen: Auf Nummer sicher gehen.

Opfers: *schweigen*

Shaheen: …wenn du nachts allein nach Hause fährst und zwei wildfremde Männer über deinen Arsch und deine Nippel sprechen… und darüber, dass sie dich gern anfassen würden.

Beide Opfer: *schweigen*

(langes Schweigen)

Opfer 2: Mich sieht man ja nich.

Shaheen: Doch. *öffnet ihre Facebook App*

Opfer 1: Er hat seine Hand vors Gesicht gehalten.

Shaheen: Egal mit dem iPhone kann man in Reihe fotografieren, wenn man den Auslöser gedrückt hält.

Beide Opfers: *schweigen*

(Noch eine Station bis zu Endstation)

Opfer 2: Du siehst aber auch ganz schön dominant aus.

Opfer 1 kleinlaut: — Aber auch gut.

Shaheen: *tippt* „Ja, ich sehe dominant aus. Ja ich knechte euch ihr Opfer.“

Opfer 2 leise zu Opfer 1: Ey hör ma jetzt auf.

Beide Opfers: *schweigen*

(Zug fährt in den U-Bahnhof ein)

Opfer 1 zu 2: Ja, was denkt sie denn was wir machen?

Opfer 2: *lacht und zuckt mit den Schultern*

Opfer 2: Haha! Dann steht morgen in der Zeitung „Migrantin von zwei Deutschen vergewaltigt“ Ha, ha! *Und zu mir, während er aufsteht*: Mach dir mal keinen Kopf.

Ende der Geschichte.

Wie lustig oder? „Migrantin von zwei Deutschen vergewaltigt“. Warum ist das so lustig? Weil es absolut unwahrscheinlich ist, dass die deutschen Medien jemals darüber berichten würden, selbst wenn es tatsächlich passiert. Ich kann nicht zählen wie oft ich in meinem Leben schon von Männern sexuell belästigt und/oder gleichzeitig rassistisch beleidigt worden bin. Das kommt für Frauen wie mich nämlich meistens in Kombination, aber hat sich diese Gesellschaft vor dem 31.12.2015 schon mal für die Würde und Sicherheit DEUTSCHER FRAUEN interessiert? Nein. Achso, Frauen wie ich gehören ja gar nicht zu denen, die damit gemeint sind. Wir sind MIGRANTINNEN, nicht DEUTSCHE FRAUEN. Auch grundsätzlich eher „Migrantinnen“ als „Frauen“. Und die Männer, die die Sicherheit und Würde DEUTSCHER FRAUEN bedrohen sehen auch nicht so aus wie die Männer auf dem Foto oben, sorry.

Das Cover vom aktuellen FOCUS hat mir das wieder auf neue klargemacht, danke nochmal. Denn auch wenn ich in meinem Mikrokosmos einen kleinen Sieg erringe und mich aus Solidarität und Selbstwertschätzung zur Wehr setze, sind es im Großen und Ganzen doch die Blicke, Perspektiven und Machtpositionen weißer deutscher Männer und Frauen, die sich ein Bild von uns machen. Und dieses Bild zählt letztlich in den Köpfen, die über Gesetze und Rechte in diesem Land entscheiden. Juhu!

Fuck you.

Nachtrag 10.01.16

Ich möchte mich an dieser Stelle für den Zuspruch in den Kommentaren und die Nachrichten bedanken, die ich auf Grund meiner Veröffentlichung bekommen habe. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich so viele Menschen damit erreiche, aber es freut mich riesig. Denn wenn sich auch nur ein paar von euch bei der nächsten Gelegenheit deswegen bestärkt fühlen einzugreifen, sich zu wehren oder ermutigt sind ihre Geschichte zu veröffentlichen ist schon viel gewonnen. Zu oft bleiben die Täter in ihrem Handeln anonym und ohne Konsequenzen. Die Frauen erzählen nicht mal davon, weil es schon so alltäglich ist.

Die beiden Männer auf dem Foto sind mittlerweile von Menschen in ihrem Umfeld identifiziert worden, die mir die Links zu ihren Facebookprofilen geschickt haben. Ich habe beide wissen lassen, dass ihr Handeln Konsequenzen hatte und ich hoffe sie lesen alle eure Kommentare.

Update 12.01.16

Wie ihr sehen könnt, hat Facebook das Foto gelöscht, aber nicht den Text und das ist auch gut so. Aber, weil ich meinen vollständigen Namen nicht angegeben habe, fordert Facebook mich jetzt dazu auf, meinen Account mit meinem Personalausweis zu verifizieren. Das werde ich natürlich nicht tun. Ich sehe nicht ein, warum ich irgendeinem Media-Konzern in den USA meinen Perso schicken sollte. Mein Profil wird also voraussichtlich in den nächsten 7 Tagen von Facebook gelöscht werden.

Danke nochmals für eure Nachrichten und Kommentare und seid nicht enttäuschen, dass ich keine Freundschaftsanfragen angenommen habe. Ihr seid dope! Ich feier euch auf jeden Fall doppelt so krass dafür, dass ihr meinen Text geteilt/rumgeschickt habt, weil die Menschen, die schon in der Vergangenheit ihre Erfahrungen mit sowas gemacht haben (insbesondere die im Umfeld von den Beiden um die es hier ging) sich jetzt weniger alleine und mehr ernstgenommen damit fühlen.

Checkt ausnahmslos.org um euch zu informieren was ihr tun könnt. Vor allem den Link zum Thema Hilfe und Beistand: wiki.preventconnect.org/Bystander+Intervention

Bleibt stabil! Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmslos 💯

Auszug aus der Kommentarspalte: