GEDENKDEMONSTRATION zum 12. Todestag von OURY JALLOH

Dieser Text wurde im Jahr 2007, im Rahmen des ersten Prozesses gegen zwei Dessauer Polizeibeamte, von der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh verfasst:

„Diejenigen, denen die Brutalität des südafrikanischen Apartheidregimes bewusst ist, können sich diese Situation nur allzu gut vorstellen: Ein schwarzer Mensch ist auf eine Pritsche mit feuerfester Matratze an Händen und Füßen gefesselt. Stunden später ist dieser Mensch tot. Sein Leichnam völlig verbrannt, die Finger kalziniert. Die offizielle These: Selbstmord.

Am 7. Januar 2005 ist Oury Jalloh genau unter diesen Umständen in Dessau gestorben.

Am selben Tag wurde das Leben eines zweiten Afrikaners von der Polizei ausgelöscht: Laye Konde, der zehn Tage zuvor aufgrund eines gewalttätigen Brechmitteleinsatzes in Koma gefallen war, verlor sein Leben ebenfalls am 7. Januar 2005. Keiner der hierfür verantwortlichen Polizisten ist verurteilt worden.

Mariama Djombo Jalloh, die Mutter von Oury Jalloh, starb am 23. July 2012 aus Trauer um ihren Sohn in ihrer Heimat Guinea.

Wir werden Mariama und Oury nie vergessen und wir haben ihr versprochen, dass wir die Wahrheit für Oury erkämpfen werden! 
Ihre letzte Rede in Deutschland hielt sie vor dem Magdeburger Landgericht nach der nach der gutachterlichen Feststellung zum manipulierten Feuerzeug, mit dem Oury sich angeblich angezündet haben soll. Sie kehrte danach nach Guinea zurück und verstarb 2 Wochen später an Herzversagen.
 

Innerhalb der kolonialen Strukturen hat das Menschenleben keinen Wert, vor allem für Nicht-Europäer*innen. Die Macht hat unsere Herzen systematisch herausgerissen, hat uns taub gemacht gegenüber der stets wachsenden Barbarei und Unmenschlichkeit der Macht – und unserer eigenen. Denn als Gönner dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind die Privilegierten ein wesentlicher Bestandteil einer dem Anschein nach ewigen Kette der entmenschlichenden Sklaverei.

Aber wir können nicht einfach weder die Macht noch die „Anderen“ dafür schuldig machen: Wir selbst sind auch die Barbarei und viele in dieser Gesellschaft haben es bereitwillig obwohl manchmal unbewusst akzeptiert. Es ist nicht etwas, was einer Gruppe von Menschen oder einer bestimmten Nationalität innewohnt. Vielmehr ist es systematisch in die Alltagsstruktur unserer Leben integriert. Wir sehen es nicht, wir erkennen es nicht an und wir fühlen es auch nicht (außer wenn wir selbst unter dem Gewicht seiner Unterdrückung leiden). In Gesellschaften wie der deutschen versteht sich dieser Zustand von selbst und die Menschen, die ihn anzweifeln werden als Risiko oder Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung gesehen – auf allen Ebenen.

Es ist die Unmenschlichkeit, ein krankhaftes und gefährliches System, das den Privilegierten gibt, um andere in einer Position der Unterwerfung, Ausbeutung und Angst zu halten, zu akzeptieren, ja sogar zu fördern. Es ist der vollkommen fehlende Respekt für das Menschenleben und Menschenwürde – und es ist systematisch Mord. Es scheint, als ob die Ordnung festgelegt wurde und nun gibt`s nichts mehr zu hinterfragen – geschweige denn den Glauben an die Überlegenheit.

Halim Dener, 29.06.1994 – Hannover, Mareame Sarr, 14.07.2001 – Aschaffenburg, Laye Alma Condé, 07.01.2005 – Bremen, Dominique Koumadio, 14.04.2006 – Dortmund, Dennis J., 31.12.2008 – Schönfließ,  Maxwell Itoya, 23.05.2010 – Warschau, Christy Schwundeck, 19.05.2011 – Frankfurt/Main, Michael Brown, 09.08.2014 – Ferguson, Stanley Ubutor, 24.09.2014 – Wolfsburg, Freddie Gray. 19.04.2015 – Baltimore, Sandra Bland, 10.07.2015 – Prairie View, .. and many more ..

Egal was für eine Position wir haben mögen, wir sind alle mittendrin in dieser Normalität. Während sich die Verbrechen gegen die Menschheit weltweit fortsetzen, die Folter und Grausamkeit nicht aufhören, die Brutalität der Abschiebung zunimmt, genauso wie die Vielzahl an Menschen, die ihr Leben an den Außengrenzen von Europa und der USA verlieren … gucken wir hilflos zu. Gewiss: Wir sind Komplizen einer mörderischen Normalität geworden.

Wir sollten uns ernsthaft fragen, warum die Menschenrechte den Schwarzen überall auf dieser Welt – ohne Ausnahme – verweigert werden? Wo war und ist die Solidarität seitens derjenigen, die von dieser Barbarei profitieren? Wo sind die Menschen aus Dessau (und jenseits von Dessau)? Hatte das Leben Oury Jallohs keinen Wert?

… UND DER ZWECK DER APARTHEID: DAS UNVORSTELLBARE WIRD NORMALITÄT

Die Menschenrechte waren nie für Menschen wie Oury Jalloh gedacht; sie wurden nie für die Kolonisierten und Versklavten gemacht. Sehr wenige Menschen aus dieser sogenannten „Ersten Welt“ haben gar die Kolonisierten ganz gesehen, d.h. als völlig menschlich. Und das war und ist auch so geblieben, bis heute. Es ist unsere Normalität, egal ob wir es anerkennen wollen oder nicht.

Ob gezwungen unter Militär- oder Wirtschaftspolitik der westlichen Ländern und ihrer Henker zu verderben, oder ausgegrenzt, misshandelt, abgeschoben und fast täglich in Europa und der USA ermordet, die Kolonisierten sind von den Menschen europäischer Herkunft auf ewig vom Schutz der internationalen Abkommen und vom Recht auf ein Leben in Würde ausgenommen.

Mögen wir es wahrhaben oder nicht, die Solidarität der Weißen ist immer sehr begrenzt gewesen – wenn es sie überhaupt gegeben hat. Historisch betrachtet, kann man es so oft sehen, dass es unstrittig bleibt. Sei es in Südafrika, während der lange noch bestehenden Geschichte der rassistischen Gewalt und Trennung in der USA, in der verbrecherischen Zerstörung und Teilung Afrikas oder wenn Geflüchtete und Migrant*innen hier schwer misshandelt oder umgebracht werden, um nur einige Beispiele aus mehr als 500 Jahren Barbarei zu nennen.

Die sogenannten progressiven Sektoren der deutschen Gesellschaft (und all der anderen kolonisierenden Gesellschaften) wollen sich nicht aktiv gegen diese Unmenschlichkeit engagieren, geschweige denn die Position der Kolonisierten in ihrem Kampf um Freiheit respektieren und unterstützen. Diese, unsere Realität führt immer wieder zu Spaltungen, Trennungen und Apartheid. Die koloniale Macht hat immer versucht, die Menschen voneinander getrennt zu halten, und weiße Solidarität begrenzt sich hauptsächlich auf Caritas/Almosen, wenn überhaupt. Und diejenigen Weißen, die gegen ihresgleichen aufstehen, bezahlen hohe Preise, um als Beispiele zu dienen, damit die anderen sich fernhalten und schweigen.

Aber am Ende gibt es nur eins: Mensch (zu) sein. Wir tragen alle Verletzungen, auch wenn auf unterschiedliche Weise, aufgrund von dieser Barbarei und historischen Kontinuität der Sklaverei, Deportation und Entmenschlichung. Es ist unvermeidlich, dass wir erst ein Bewusstsein über den Ernst der Situation und die pathologische Zerstörung unserer menschlichen Bedingungen, in denen wir alle eine wichtige Rolle spielen, erlangen.

Die Fesseln, die uns an eher privilegierte und nicht – privilegierte Teile der Kette fesseln, werden letzten Endes zerbrochen, egal wer damit einverstanden ist oder nicht. Entweder stehen wir gemeinsam auf, oder ertränken uns zusammen, wie die zigtausend Menschen im Mittelmeerraum.

WARUM WIR KÄMPFEN MÜSSEN – NICHT NUR PROTESTIEREN UND HINTERFRAGEN

Wir haben weder unseren Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit noch unsere Entschlossenheit aufgegeben. Der Kampf um die Wahrheit und Gerechtigkeit für Oury Jalloh ist für uns eine Frage des Überlebens.

Die Arroganz und das fehlende menschliche Verständnis – vor allem gegenüber Menschen nicht – europäischer Herkunft – innerhalb der Polizei und in der Gesellschaft im Allgemeinen lässt zu, dass Menschen wie Oury Jalloh solche grauenhafte Tode sterben müssen. Das diese Tatsache sowohl systematisch als auch historisch begründet ist, ist einer der vielen Gründe, warum wir den Tod Oury Jallohs als Mord bezeichnen.

Das bedeutet aber, dass wir viel mehr tun müssen, als einfach zu protestieren oder die offiziellen Versionen der Morde an Oury, Dominque, Laye und den vielen anderen in Frage zu stellen. Vor allem geht es uns um unsere Selbstbestimmung und um unsere Wut gegen die unaufhörliche Barbarei.

Wir können und werden nicht zulassen, dass wir im Rahmen dieser verbrecherischen Normalität einfach weiterhin funktionieren, als Komplizen für Verfolgung und unseren eigenen Tod. Wenn wir das Schweigen nicht durchbrechen, wenn wir unsere eigene Meinung unterdrücken, leisten wir einen Beitrag zum Weiterbestehen unseres gemeinsamen Leidens.

Wir verweigern uns!

Wir verweigern uns zu schweigen und wir verweigern uns, weiterhin Teil unserer Unterdrückung zu bleiben!

Wir werden weder schweigen, noch zulassen, dass wir zum Schweigen gebracht werden!

Diese Zeit ist vorbei! “

Als dieser Text entstand, war der NSU noch nicht „enttarnt“ und dessen staatlich assistierte Exekutionen wurden noch zynisch als „Dönermorde“ bezeichnet, Christy Schwundeck war noch nicht von einer Polizistin erschossen, Slieman Hamade war noch nicht von Polizisten mit Reizgas getötet, Mohammad Sillah war gerade an der Verweigerung medizinischer Behandlung verstorben und abertausende Geflüchtete noch nicht zwischen all den Frontex-Schiffen im Mittelmeer ertrunken…

Diesen kontinuierlichen Verbrechen gegen das Leben und die Würde von fremd-definierten Menschen begegnet die deutsche Mehrheitsgesellschaft der „Besorgten“ und „Demokraten“ mit einer Ignoranz, die schlichtweg als eurozentrische Menschenverachtung bezeichnet werden muss. Der historisch gewachsenen Hybris von der Überlegenheit der Weißen Kulturen, ihrer Sklaverei und Kolonialverbrechen, ihrer anhaltenden Kriegsverbrechen in aller Welt und den „selbstverständlichen“ rassistischen Verbrechen in ihrer Mitte wollen wir unsere Solidarität der Gleichheit, Verantwortung und Gerechtigkeit für die Opfer staatlich geförderter Verbrechen entgegenstellen!

Wir haben verstanden, dass wir nicht nur die Aufklärung des Mordes an Oury Jalloh selbst in die Hand nehmen müssen – weil dies kein Staatsanwalt oder Richter tun wird. Wir haben gezeigt, dass ein langer Atem und eine breite Solidarität so viel Druck erzeugen, dass Oury Jalloh und die vielen anderen Opfer nicht vergessen werden.

Unser Kampf für Aufklärung und Gerechtigkeit steht symbolisch für alle rassistischen Morde von Dessau bis Ferguson und beinhaltet nicht nur den Protest in den Gerichtssälen oder auf der Straße. Er ist existentieller Bestandteil unser aller Leben, solange wir in einer Gesellschaft leben, in der diese Verbrechen zur „Normalität“ gehören.

SEID TEIL DER LÖSUNG, STATT SCHWEIGENDER TEIL DES PROBLEMS !

TOUCH ONE – TOUCH ALL!

Staatsanwaltschaft Dessau
Polizeirevier Dessau

Bringt Feuerzeuge mit, werft diese den Behörden vor die Füße als Zeichen für ihre Lüge, Oury Jalloh habe sich selbst angezündet.

Aufruf der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh zur Gedenkdemonstration in anlässlich des 11. Todestages von Oury Jalloh
Polizeirevier Dessau

Das Feuerzeug – das Symbol der Lüge !

Bei der Leibesvisitation von Oury Jalloh im Dessauer Polizeigewahrsam am Morgen des 07.01.2005 wurde kein Feuerzeug entdeckt. Bei der Tatortuntersuchung wurde ebenfalls kein Feuerzeug entdeckt. Dennoch haben die Ermittlungsbehörden gleich zu Beginn ihrer Untersuchungen festgeschrieben, dass Oury Jalloh das Feuer in der Zelle selbst entfacht hat.

Drei Tage (!) nach dem Feuerausbruch präsentierten die Behörden plötzlich ein Feuerzeug, mit dem Oury Jalloh sich angeblich selbst angezündet haben soll. Erst 2012, also 7 Jahre nach dem Feuertod, beschließt das Landgericht in Magdeburg, das Feuerzeug auf Anhaftungen aus der Zelle wie Kleidungsreste, Reste des Schaumstoffkerns oder Matratzenhülle hin zu untersuchen. Und was für eine Überraschung: Das von den Behörden als Tatwerkzeug präsentierte Feuerzeug wies keinerlei Material aus der Zelle auf, dafür aber eine Vielzahl tatortfremder Spuren!

Bereits am 7.1.2005 konstruierten die Ermittler vom LKA Sachsen – Anhalt ihre These vom Selbstmord. Und obgleich die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh im November 2013 das Brandgutachten des irischen Brandexperten Smirnou präsentierte, welches klar und deutlich aufzeigt , dass der Brandzustand in Zelle Nr. 5 nur durch eine erhebliche Menge an Brandbeschleuniger entstehen konnte und entgegen des vollmundig verkündeten “Aufklärungsbedarf“ durch den Leitenden Oberstaatsanwalt  Folker Bittmann kann die Staatsanwaltschaft Dessau bis heute, zwei Jahre nach der Pressekonferenz (!), immer noch keine zielführenden Ergebnisse zu den Erkenntnissen aus dieser Pressekonferenz vorlegen.
Im Gegensatz zum Ermittlungseifer, den die Behörden an den Tag legen, wenn es darum geht Aktivisten*innen der Initiative zu kriminalisieren, ist im Fall der ungeklärten Todesumstände von Oury Jalloh davon nichts zu spüren. Stattdessen Wortgestammel der Dessauer Staatsanwaltschaft, die sich konsequent  weigert, die Selbsentzündungshypothese aufzugeben und nach den Tätern zu ermitteln.

Weitere Gutachten wurden zwischenzeitlich durch die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh am 27. Oktober 2015 in Berlin präsentiert. Internationale Gutachter zeigten sich entsetzt, wie gängige Standards bei der Sicherung der Beweismittel von den sachsen-anhaltischen Behörden einfach übergangen wurden. Nach Durchsicht der Aktenlage und Bewertung der vorliegenden Gutachten kam Ian Peck, Brandsachverständiger aus England, zu dem Ergebis:

„Unter Bezugnahme auf die mir zur Verfügung gestellten Informationen ist es meiner Meinung nach wahrscheinlicher, dass eine dritte Person das Feuer entzündet hat – entweder durch Zerstörung und unmittelbare Entzündung der Matratze anverschiedenen Stellen oder unter Verwendung von Brandbeschleuniger“.
Neue Erkenntnisse kündigte daraufhin die Dessauer Staatsanwaltschaft für November 2015 an. Doch, wen überrascht es, diese liegen noch nicht vor. 11 Jahre nach dem Tod an Oury Jalloh ist die Brand- und Todesursache durch die zuständigen Behörden nicht aufgeklärt worden!

Im Fall von Oury Jalloh sehen wir, wie Polizei und Justiz gemeinsam daran arbeiten, einen brutalen rassistischen Mord zu vertuschen.

Oury Jalloh ist kein Einzelfall, sondern steht beispielhaft für hunderte Opfer rassistischer Morde, begangen durch Täter – mit und ohne Polizeiuniform, die von den zuständigen staatlichen Ermitlungsbehörden nur ansatzweise oder gar nicht verfolgt werden.   In diesem Sinne beinhaltet unser Kampf um die Aufklärung des Mordes an Oury Jalloh gleichzeitig die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Vertuschungs- und Verschleierungstaktiken staatlicher Behörden, die sich dann offenbaren, wenn es um die Strafverfolgung rechter Gewalttaten geht.